Wo Zeit mehr bringt als Geld
ls. Ein neues Internetportal bietet Einwohnerinnen und Einwohnern des Kantons Aargau die Möglichkeit, Dienstleistungen gegen Zeit einzutauschen. Gleichzeitig hilft die «Zeittauschbörse Aargau», mit Menschen aus der Umgebung Kontakte zu knüpfen.
Silvia S. hat sich bei der Zeittauschbörse Aargau (ZTBA) angemeldet. Die alleinerziehende Mutter arbeitet seit der Scheidung wieder im erlernten Beruf als Blumenverkäuferin und ist in ihrer Freizeit oft im Garten anzutreffen. Ihr Einkommen aus der Teilzeittätigkeit reicht für die Familie mehr schlecht als recht zum Leben, Extras liegen keine drin.
Die zwei Mädchen von Silvia S. wünschen sich schon lange ein rosarotes Schlafzimmer. Doch wie sollte sie einen Maler bezahlen, wenn der Lohn kaum die Fixkosten der Familie zu decken vermag? Das Zimmer eigenhändig zu streichen, traut sie sich nicht zu. Hier hilft die Zeittauschbörse Aargau: Die Plattform hilft Silvia S. bei der Suche nach jemandem, der diese Arbeit für sie übernimmt. Deshalb erstellt die Aargauerin ein Nachfrage-Inserat und veröffentlicht es im ZTBA.
Dienstleistungen werden mit Zeit vergütet
Der Verein Zeittauschbörse Aargau betreibt seit dem 1. März 2009 ein Online-Portal, das allen Menschen ab 18 Jahren und mit Wohnsitz im Kanton Aargau zur Verfügung steht. Wer sich anmeldet, bezahlt einen Jahresbeitrag von 15 Franken und kann dafür Dienstleistungen anbieten oder in Anspruch nehmen. Die Anmeldung fürs Portal erfolgt entweder über das Internet oder über eine Anmeldekarte. Den Benutzernamen und das Passwort fürs Onlineprofil bekommen die Teilnehmer erst, wenn die Wohnsitzkontrolle positiv ausgefallen und der Mitgliederbeitrag bezahlt ist. Das Portal enthält die eigenen Profildaten, man kann darüber Nachrichten schreiben, Inserate veröffentlichen oder Kontakte hinzufügen. Zum Anfang wird dem eigenen «Konto» ein Startguthaben von fünf Stunden gutgeschrieben. Denn in der Zeittauschbörse werden alle Dienstleistungen mit Zeit (also in Stunden) vergütet.
Angebot von Fähigkeiten und Ressourcen
Zwei Tage nachdem Silvia S. ihr Inserat aufgeschaltet hat, meldet sich Karl-Heinz B. bei ihr. Er war früher Steuerberater und hat sein ganzes Arbeitsleben am Schreibtisch verbracht. Seit er Frührentner ist, sucht er sich sinnvolle Beschäftigungen, in denen er sein handwerkliches Geschick ausleben kann. Ausserdem wohnt er nur einige hundert Meter von Silvia S. entfernt und würde so eine neue Nachbarin kennenlernen.
Genau aus diesem Grund wurde die Zeittauschbörse Aargau ins Leben gerufen. Laut Dietmar Gallhammer, Leiter des Vereins, besteht das Ziel der Zeittauschbörse darin, Menschen zusammenzubringen, die entweder aus finanziellen Gründen nur wenige Dienstleistungen in Anspruch nehmen können oder die ihr Talent und Können für eine sinnvolle Freizeitgestaltung nutzen möchten. «Alle Leute haben Ressourcen und Fähigkeiten, die sie anderen zur Verfügung stellen können», sagt Gallhammer. Zudem soll die Tauschbörse den Benützern dabei helfen, ihr soziales Netzwerk auf- oder auszubauen. Dadurch soll die Gemeinschaft gestärkt werden und es können Treffpunkte entstehen.
Einfache Berechnung der Stunden
Karl-Heinz B. braucht fürs Streichen des Kinderzimmers ein paar Stunden länger als ein qualifizierter Maler. Aber das Ergebnis ist super und die Mädchen freuen sich riesig. Karl-Heinz stellt Silvia in der Tauschbörse eine Rechnung von neun Arbeitsstunden aus. Sie überweist die geforderten Stunden und hat jetzt, verrechnet mit ihrem Startguthaben von fünf Stunden, ein Minussaldo von vier Stunden.
Da sie am Tauschsystem Gefallen gefunden hat, stellt Silvia S. am gleichen Abend ein Angebots-Inserat ins Portal und bietet nun Hilfe bei Gartenarbeiten und beim Umtopfen für den Frühling an. Sie erhält gleich zwei Antworten auf ihr Inserat. Wenn Silvia den zwei Personen jeweils einen Morgen lang bei der Gartenarbeit hilft, wird sie sehr schnell überzählige Stunden auf ihrem Zeittauschbörse-Konto sammeln, die sie dann für andere Dienstleistungen einlösen kann.
Ein Monat in Betrieb
Seit der Inbetriebnahme des ZTBA-Online-Portals vor einem Monat haben sich fünfzig Leute bei der Zeittauschbörse Aargau angemeldet und es wurden 25 Inserate erstellt. Auch wenn die Börse nur für den Kanton Aargau deklariert ist, habe sich laut Dietmar Gallhammer trotzdem eine Person aus dem Kanton Bern bei der Zeittauschbörse angemeldet. Diese Anmeldung wurde zurückgewiesen. «Wenn sich aber nun jemand aus einem am Kanton Aargau angrenzenden Dorf bei uns anmeldet, können wir schon mal eine Ausnahme machen», sagt der Vereinsleiter.
Die ersten Reaktionen auf die Zeittauschbörse sind positiv ausgefallen. Das Konzept scheint dabei nicht nur für private Nutzer spannend zu sein. Im Rahmen ihrer Forschungsarbeit hat sich bereits eine Schulklasse der Kantonsschule Baden bei Dietmar Gallhammer gemeldet. Die Schüler möchten für ein Schulprojekt eine Nachhilfestunden-Börse einrichten und haben sich bei der Zeittauschbörse Anregungen geholt.
(Quelle: www.derarbeitsmarkt.ch - 06.04.2009)
