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Aargauer Zeitung 11.03.2009

Statt Geld gibts Zeit aufs Konto

Nach dem Gassi gehen mit dem Nachbarhund überweist der Nachbar als Honorar ein halbe Stunde als Guthaben. So funktioniert die krisensichere Tauschhandel. In der Zeittauschbörse wird Arbeit nicht in Franken sondern in Stunden gerechnet.

Wenn man sich nicht darauf verlassen kann, dass der Bank-Automat morgen noch Geld ausspuckt und der Arbeitgeber den Lohn Ende Monat bezahlen kann, werden Geschäftsmodelle, wo man statt Geld einen echten Gegenwert erhält, wieder populär.

Die Zeittauschbörse ist ein solches Geschäftsmodel, wobei es den Initianten (Pro Infirmis, Pro Senectute und Anker Aargau) weniger ums Geschäft als um den sozialen Aspekt geht. Ein Beispiel: Frau Müller raucht der Kopf – seit Wochen sitzt sie über ihrer Diplomarbeit und hat vor lauter Buchstaben die Übersicht verloren. Lieber würde sie sich mal wieder bewegen und etwas mit den Händen tun. Herr Brunner hingegen hat ein Problem: Nächsten Sonntag kommen seine Eltern und die Wohnung ist in einem jämmerlichen Zustand, denn viel lieber als Putzen liest Herr Brunner Bücher.

Wenn Frau Müller und Herr Brunner nun beide Mitglieder der Zeittausch-Börse sind haben sich ihre Probleme praktisch schon gelöst: Frau Müller könnte Herrn Brunners Wohnung putzen und Herr Brunner würde Frau Müllers Diplomarbeit korrigieren.

Jeder ist irgendwo Spezialist

Auf der Webseite www.zeittauschboerse.ch kann man sich mit einem Mitgliederbeitrag von 15 Franken anmelden und angeben, welche Dienstleistung man anbietet. Auf einem Konto erhält man ein Startguthaben von fünf Arbeitsstunden.

Frau Müller würde Herrn Brunner, nach dem dieser ihre Arbeit korrigiert hat, die entsprechende Anzahl Stunden auf sein Konto gutschreiben und umgekehrt. Falls Frau Müller aber plötzlich doch nicht putzen will, macht das nichts – das Stundenguthaben kann Herr Brunner auch für die Dienstleistung von jemand anderem verwenden.

Die Börse bringt Leute zusammen

Auf jeden Fall lernen sich Frau Müller und Herr Brunner kennen und damit hat die Zeittausch-Börse Aargau ein wichtiges Ziel erreicht: Sie soll die Zusammenarbeit fördern und den Leuten ermöglichen an der Gesellschaft teilzunehmen – auch solchen, denen das schwerer fällt als anderen.

Kein Zufall also, dass der Trägerverein der Börse aus Pro Infirmis, Pro Senectute und dem Anker Aargau (Verein für psychisch Kranke) besteht. «Wir wollen die verborgenen Ressourcen der Leute aufdecken und anderen zur Verfügung stellen», sagt Dietmar Gallhammer, der Präsident der Börse. Soche Ressourcen können Computer-Know-how sein, den Rasen mähen, einkaufen gehen oder eine Idee liefern.

«Ideen-Coach» heisst nämlich die Dienstleistung, welche Franc Benedict Schwyter aus Suhr anbietet. Der 49-Jährige Erwachsenenbildner ist einer der ersten Mitglieder der Plattform. Welche Dienstleistungen er selbst beanspruchen möchte, weiss er noch nicht. Ihm gefällt vor allem die Idee, dass jede geleistete Stunde Arbeit gleich viel Wert ist.

Mausklick statt an der Tür klingeln

Dass alles online geschieht, macht die Börse einfach und schnell. Die Software konnte gratis von einer holländischen Stiftung übernommen werden und der Server stellt die Organisation «Sunflower» ebenfalls kostenlos zur Verfügung. Das Internet ist jedoch gleichzeitig der Schwachpunkt der Börse: Speziell Senioren und Invalide können nicht alle mit dem Computer umgehen. Auch wenn Roland Guntern von der Pro Senectute sagt: «Der grösste Teil der Senioren ist vernetzt.» Hinzu kommen die Distanzen: Um die Arbeiten erledigen zu können, muss man meist mobil sein.

Warum also nicht gleich die Nachbarin um einen Gefallen bitten? Die Leute sollen sich auch mit der Zeitbörse regelmässig persönlich treffen können: Dietmar Gallhammer will so bald wie möglich regionale Treffen organisieren. Trotz Internet geht es also um echte Kontakte. Doch auf der Zeittauschbörse zu surfen ist einfach effizienter, als bei der Nachbarin zu klingeln – schliesslich möchte diese Frau Müllers Diplomarbeit vielleicht gar nicht korrigieren.

(mz/kus/kwi)